03.03.2016

Atemlos.

Ich denke zu viel.
Nicht im Positiven, nicht im Arroganten, im Negativen.
Ich denke und denke, zerdenke, male mir aus, was alles passieren könnte, was eventuell andere Menschen denken, was sie sehen.

Ich sitze auf dem Sofa, ein ganz normaler Tag.
Ich bin alleine.
Und plötzlich, wie aus dem Nichts, viel zu alleine.
Ich fühle mich verlassen, verloren, verschmäht und weiß nicht, wohin mit mir.
Ich versuche, mich zu beruhigen, mir einzureden, dass das ja gar nicht stimmt und dass niemand wirklich alleine auf der Welt ist.
Der beste Beweis dafür ist mein Kater, der gerade vertrauensvoll seinen Kopf an meinen Handrücken schmiegt.
Und doch überrollt es mich wie eine Welle einen kleinen Einsiedlerkrebs.
Trauer, Abscheu und Verlassenheit spuken plötzlich in meinem Kopf herum und vernebeln mir die Sinne. Die Brandung tobt in meinem Kopf und bis zur Ebbe ist es noch viel zu lange hin.
Und wie eben dieser Einsiedlerkrebs, den Wellen komplett unterlegen, bekomme auch ich plötzlich keine Luft mehr.
Ich kann nicht mehr atmen, meine Lungen ziehen sich zusammen, aber irgendwie kommt kein Sauerstoff mehr in meinem Gehirn an.
Plötzlich fühle ich mich wie ein gefangenes Tier, die Wände werden zu Gefängnissen, die Fenster zu mich verspottenden Möglichkeiten.
Ich werde immer nervöser, kann nicht mehr klar denken, sehe Sterne.
Ich bin atemlos und zwar nicht durch die Nacht, sondern genau hier, genau jetzt und so langsam bekomme ich Panik.
Völlig ohne Kontrolle taumele ich in mein Zimmer und ziehe mich an. Stopfe mein Tagebuch in meine Tasche und verlasse fluchtartig das Haus.
Noch eine Sekunde länger drinnen und ich hätte mich übergeben oder wäre in Ohnmacht gefallen.
Beinahe rennend lege ich den ersten Teil des Weges zurück, der in einen benachbarten Wald führt.
Sterne blinken vor meinen Augen,
Ich merke wie mein Kreislauf sich mehr als zwei Mal überlegt, vielleicht doch zusammen zu sacken.
Mein erster richtiger Gedanke seit ein paar Minuten ist: "Wenn du dich nicht gleich hinsetzt, kippst du um und niemand merkt's."
Irgendwann und irgendwie komme ich dann bei der rettenden Schaukel an, meinem Hafen, genau hier wollte ich hin.
Ich setze mich und hole Schwung. Komplett fertig mit der Welt überlege ich, die abwegigsten Menschen anzurufen, vor ihrer Tür zu stehen oder sonst irgendwelche dummen Sachen zu machen.
Ich habe das Gefühl, dass keiner meiner Freunde gerade da ist, alle sind irgendwie weg oder grade nicht zu erreichen.
Ich bin völlig allein.

Der kalte Winterwind bläst die Wellen weg vom Strand, nur eine Sekunde, so dass der kleine Einsiedlerkrebs es schafft, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Erschöpft kriecht er über den hügeligen Sand, auf der Suche nach seinem Zuhause.

Auch mir bläst der kalte Winterwind die Wellen aus dem Kopf und frische Luft in die Lunge.
Langsam aber sicher kann ich wieder atmen, langsam aber sicher verwerfe ich sämtliche dummen Ideen und fühle mich wieder wie ein denkender Mensch.
Es wird dunkel um mich herum, die Sonne verschiedet sich von unserer Halbkugel und begrüßt die neue mit ihren wärmenden Strahlen.
Ich verabschiede mich von meiner Schaukel und danke ihr für meine Rettung.
Nun mache auch ich mich erschöpft auf die Suche nach meinem Zuhause, bleibe aber noch eine weitere Stunde in der klirrenden Kälte sitzen und warte darauf, dass die Ebbe kommt.

Ich weiß nicht, was es war.
Ich weiß nicht, woher es kam.
Ich weiß nicht, ob es wiederkommt.

Der Einsiedlerkrebs schleppt sich völlig entkräftet in seine Muschel.
Er weiß nicht, was es war.
Er weiß nicht, woher es kam.
Er weiß nicht, ob es wiederkommt.



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