11.02.2015

Das Klavier.

Wir laufen durch die überfüllte Innenstadt.
Es ist Samstag und die Menschen benehmen sich als würde der Sonntag 96 statt 24 Stunden dauern.
Jeder hetzt durch die Straßen, die Augen auf den Boden gerichtet, damit er ja nicht erkannt und in ein 3-minütiges Gespräch verwickelt wird.
Schnell drängen sich die Menschen aneinander vorbei, haben weder Augen noch Ohren für ihre Umwelt und sind nur auf das Ziel und nicht den Weg aus.
Wen interessiert schon der doofe Weg, wenn das Ziel noch so weit weg ist?
Wer stehen bleibt, wird weitergeschubst, wer miteinander redet, fast schon abwertend angeguckt.
Ich frage mich, in was für einer Gesellschaft wir hier leben, dass diejenigen, die stehen bleiben, einfach über den Haufen getrampelt werden, in der um diejenigen, die Piercings und Tattoos haben immer noch ein großer Bogen gemacht wird, in der Straßenmusikanten nur ein verächtlicher Blick gewidmet wird, statt der Musik Bedeutung zu schenken.

Eigentlich.
Ich quetsche mich gerade aus H&M, als ich es höre.
Ein Klavier. Etwas verstimmt, etwas verzerrt, aber definitiv ein Klavier.
Ich schließe die Augen, mein Kopf weiß komischerweise nicht genau wie er mit dieser Situation umgehen soll, aber automatisch haben sich meine Füße schon durch die Menge geschoben, hin zu der Musik, hin zu dem Gefühl.

Mitten in der Fußgängerzone steht ein Klavier. Davor sitzt ein unscheinbarer Junge, seine Augen sind auf die Tasten gerichtet, seine Hände schweben darüber, auf dem Rahmen steht ein grauer Hut.
Ich bleibe stehen, ich kann nicht weiterlaufen, noch nicht und höre zu.
Es sammeln sich tatsächlich Tränen in meinen Augen, ich bin kurz davor zu weinen.
Mitten in der Fußgängerzone.
Nur, weil ein Junge Klavier spielt.
Aber er spielt so schön und so leicht und in dieser überfüllten Atmosphäre auch so einsam.
Die ersten Menschen bleiben stehen, sie lächeln erst ihn an, dann ihre Freunde, ihre Partner, ihre Umwelt.
Dann geht der erste zu seinem grauen Hut und wirft ein glänzendes Geldstück hinein.
Der Junge blickt nicht auf, er ist so konzentriert in sein Spiel, dass ich glaube, dass ihm das Geld eigentlich sogar egal ist.
Immer mehr Menschen bleiben stehen, um ihm zuzuhören, um die Musik zu genießen, um kurz den Weg wahrzunehmen, bevor sie weiter Richtung Ziel hetzen.

Ich weiß nicht warum, aber diese kurze Moment hat mich unglaublich emotional gemacht.
Ich habe schon oft über die Wirkung von Musik geschrieben und besonders von der Wirkung, die Musik auch mich hat.
Aber dieser kurze Moment des Stillstands um das Klavier herum, war einfach wunderschön.

Und für eine Minute hatte der Satz "Der Weg ist das Ziel." wieder eine Bedeutung.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen