Eigentlich wollte ich heute Abend etwas ganz anderes schreiben.
Aber dann habe ich mich verloren. In meiner Vergangenheit.
Es gibt Menschen, die sagen, dass Fotos und Videos unnötig sind, weil man sie sich eh nie wieder anschaut. Ich bin der lebendige Gegenbeweis, dass diese These absolut nicht der Wahrheit entspricht.
Immer mal wieder lande ich in den alten Ordnern auf meiner Festplatte und blicke in die Vergangenheit.
Klassenfahrten, Halloweenpartys, Urlaube, Karneval, Mottowoche.
Ich sehe mich an auf diesen Bildern, ich sehe meine Freunde an und irgendwie bin ich stolz.
Nicht auf meine Erfolge, außer Abitur ist da noch nicht viel zustande gekommen, oder auf die besonderen Orte, an denen ich war.
Sondern auf mich.
Die Evolution meines Haarschnitts von der langen, blonden Zottelmähne ohne Schnitt zum roten Bob mit Pony passt auch erschreckend gut zur Evolution meiner Person.
Ich sehe mich an auf diesen Bildern und sehe dabei meine Entwicklung wie auf einem Zeitstrahl vor mir.
Das war der Moment, ab dem ich angefangen habe, zu dem zu werden, was ich heute bin.
Seitdem lasse ich mich nicht mehr rumschubsen, ich lasse mich nicht mehr wie Dreck behandeln und die zweite Geige, die Aushilfs-beste-Freundin, spiele ich auch nicht mehr. Been there, done that.
Seitdem hatte ich plötzlich Freunde, die mich mochten, die mich wirklich mochten und meine Gegenwart wertgeschätzt haben.
Seitdem hab ich endlich den Mut, meinen Mund aufzumachen, manchmal auch ein wenig zu weit, und zu sagen, was ich denke.
Seitdem mussten die Lehrer mir auch manchmal Contra geben oder auch sprachlich einen auf den Deckel hauen, weil ich mich selber nicht mehr zügeln kann.
Seitdem habe ich mich getraut, anzuziehen, was ich möchte und auch Dinge, die anders sind, cool zu finden.
Seitdem werde ich immer mehr zu mir.
Und darauf bin ich stolz.
Ich grinse mir selber entgegen, blonde Haare, Zahnspange, Pferdeschwanz.
Mein heutiges Ich lächelt ein bisschen wehmütig den Bildschirm an.
"Du wirst tolle Freunde finden, manche auch wieder verlieren. Du wirst weinen, bittertraurige Tränen weinen, aber auch lachen. So sehr, dass dir die Bauchmuskeln weh tun und statt bittertraurigen süßfröhliche Tränen geweint werden. Du wirst dein Abitur machen, dich verlieben und noch mehr weinen. Steiger' dich nicht rein, er ist nicht der Richtige, er kann es nicht sein.
Du wirst fliegen, rennen und fallen. Und du wirst auch wieder aufstehen. Du wirst schreiben, viele tausend Worte und hoffentlich auch nie damit aufhören. Du wirst deine Haare abschneiden und rot färben und du wirst dich wohl damit fühlen, wie noch nie zuvor. Manche deiner Mitschüler werden vergessen, dass das nicht deine Naturhaarfarbe ist. Du wirst jeden Tag ein wenig mehr zu dir.
Und wenn du dann an diesem Punkt, jetzt, hier, gerade, angekommen bist, dann wirst du trotzdem zweifeln. An dir, an deinem Aussehen, an der Welt. Das ist ok. Das ist normal. Du wirst denken, viel zu viel denken und zweifeln. Wahrscheinlich dein ganzes weiteres Leben lang. Genieß die Reise."
Ich freue mich auf diesen Abend in 5 Jahren. Ich bin gespannt, welche Version meiner selbst ich dann bin. Welche Ansprache ich dann an mich selbst halten würde. Welche Frisur ich dann trage.
Die Hauptsache ist doch, dass ich stolz bin.
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